Monday, 13 April 2020 09:29

Das Fest vom Mut zum Leben

Wie kann ein Mensch seinen Weg inmitten einer Welt der Lüge finden, in Systemen von Gewalt, Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch? Wie behält man seinen Mut trotz des Zynismus der Mächtigen? Wie bewahrt man seine Liebe zu den Menschen angesichts der Verführbarkeit und Manipulation der Massen, angesichts von unerträglicher Brutalität, beliebiger Grausamkeit, Naturzerstörung und Hass? Woher nimmt man seine Zuversicht angesichts des sicheren Todesurteils, ausgesprochen von Autoritäten, machthungrigen Psychopathen und Polit-Puppenspielern?

Jesus beantwortete solche Fragen immer, indem er die Menschen aus ihrer Unruhe, Unsicherheit und Ablenkung befreite, ihnen einen Standpunkt und neuen Blickwinkel außerhalb der Angst ermöglichte.
„Kommt, all Ihr Erschöpften und Überlasteten, zur Ruhe lass ich Euch kommen.“ (Mt 11,28)
„Fürchtet Euch nicht vor denen, die den Leib töten wollen, die Seele aber nicht zu töten vermögen.“ (Mt 10,28)

Solange die Menschen wie in einem engen Kerker in der Angst gefangen bleiben, bereiten sie sich nur gegenseitig die Hölle auf Erden: sie vermehren die Angst, statt sie zu lindern.
Wer aber erst einmal verstanden und erfahren hat, woraus er doch im Wesentlichen lebt, der vermag die Ketten und Mauern all der ängstlichen und ängstigenden Rücksichtnahmen und Fehlwahrnehmungen zu sprengen und sich zu befreien, der vermag das Haupt zu heben und die Augen zu öffnen, die Arme ausbreiten und das Leben annehmen: Aus einem Gefühl des Vertrauens und der Vertrautheit wird eine Menschlichkeit möglich, die zwar jeder erträumt und erwartet, die er aber doch zugleich nicht zu sehen vermag oder für unmöglich erklärt.

Die Ostergeschichte ist eine Geschichte von extremer Verzweiflung und Hoffnung, von sich winden in Schmerzen und der Überwindung der Angst, von Einschüchterung durch die angeblich Mächtigen und der Befreiung von Unfreiheit.
Das Kreuz ist eines der anzuklagenden und schlimmsten Folterinstrumente: es quält und tötet den Menschen nicht nur, sondern entblößt ihn, verspottet ihn und will ihn als abschreckendes Beispiel ausstellen.
Was sich am Karfreitag ereignet hat, ist unmenschlich, durch nichts gerechtfertigt, damals nicht und jetzt nicht und nie wieder. Und doch fand und findet es immer wieder statt.
Und hier liegt das Rätsel der Geschichte, dass es zu lösen gilt, und das sich uns immer wieder stellt. Gott kann das nicht gewollt haben, jedenfalls nicht der liebende, väterliche Gott, den Jesus uns zugesichert hat; und doch geschieht es. Und Jesus weiß es, er wählt diesen Weg,  er will nicht, dass es geschieht, aber er weiß, es ist unvermeidlich.
Warum muss der Menschensohn, der Prophet, der Messias so sterben? Und warum ist dies die Erfahrung so vieler Propheten, so vieler Visionäre, so vieler Reformer und Wahrheitssucher?

Wer die größten Träume und Visionen der Seele leben will, wer immer wahrhaft vertraut auf den Gott der Liebe, gerät offenbar unvermeidlich in den größten Widerspruch zu den Leuten seiner Zeit?! Auf jeden Fall gerät er unvermeidlich in den Widerspruch zu den Machthungrigen der Welt!
Jesus ist ein friedlicher Revolutionär, der trotz aller gesellschaftlichen Drohgebärden und Machtspiele, die Spielregeln nicht anerkennt, die den Menschen versklaven, verängstigen, unfrei machen. Er will die Menschen von den Ketten aus Angst und Gewalt befreien, damit der Mensch das Leben wieder aus sich heraus versteht und die ursprünglichen, die wahrhaft göttlichen Regeln entdeckt, die er tief in sich stets gespürt und sehnsuchtsvoll bewahrt hat, an die er den Glauben und das Vertrauen aber verloren hat angesichts der Perversion der Religion, angesichts der gesellschaftlichen Doppelmoral, der religiösen und kommerziellen Verführer, der brutalen und angstnutzenden Herrscher.
Jesus spricht: „Ihr habt gehört, dass … Ich aber sage Euch ...“
Kaum in Jerusalem angekommen, wirft er die aus dem Tempel, die die heilige Stätte für Kommerz und persönliches Gewinnstreben missbrauchen.
Das Passahfest feiert er quasi als Ausgegrenzter mit Ausgestoßenen. Er definiert es neu, frei von der priesterlichen Bevormundung. Unbeirrt davon, dass er als „Irrlehrer“ und „Volksverführer“ von denen beschimpft wird, die ihre Macht daraus beziehen, dass sie sich in alles einmischen, sich zwischen Gott und den Menschen drängen und ihn durch ein System aus Moral und Schuld unterdrücken. Eine neue Sinndeutung entwickelt Jesus für das Fest, bei dem bis dahin ein Tier, ein „Sündenbock“ als Symbol geschlachtet wurde, um ihm die Schuld eines ganzen Volkes aufzuerlegen und auszutreiben.
Ist es aber gerecht, einen Unschuldigen herzunehmen und zum Sündenbock, zum Opfer für all die anderen zu machen, die wirklich die Verantwortung tragen und gerechterweise die Strafe verdienen? So entstünde doch ein archaisches Götterbild eines launigen, parteiischen, blutrünstigen richtenden Patriarchen. Doch eben dieses wurde durch das ganze Agieren von Jesus überwunden.
Das blutrünstige Ritual der Schuld transformiert er zu einem Element erneuerten Lebens (und bereitet so quasi die Auferstehung vor). So wie die Natur, die ganze Welt sich ständig erneuert, ohne Schuld, ohne Opfer.
Mögen die Hohepriester ihn auch anklagen und ermorden, gerade dann gilt es umso mehr zu begreifen, dass es ein Leben gibt, das man nicht töten kann. Sollen doch die Henker, die Soldaten, die Mächtigen den Tod verwalten; das Leben wird ihnen niemals gehören! Auch wenn sie die Menschen aus Angst in Ketten legen, auf seine Freiheit können sie nicht zugreifen. Jedes Wort eines frei denkenden, jeder Laut aus dem Mund Jesu wird größer sein als all ihre Lügen. Jeder Hauch seiner Güte ist der Anfang eines kommenden Reiches, einer werdenden Realität, in der wir alle freie, gesunde, glückliche Menschen im Frieden vereint sind.

Auch während seiner Verhaftung und im Angesicht der Gewalt bleibt Jesus gewaltfrei; „Wer zum Schwert greift, wird umkommen durch das Schwert.“
Bis in den Tod macht Jesus wahr, was er in der Bergpredigt sagte: „Widerlegt die Gewalt nicht mit neuer Gewalt, lasst Euch nicht ein auf das Böse, überwindet es durch die Gewaltfreiheit des Guten.“ (Mt 5,39)
Am Karfreitag gilt es vor allem jenen zu gedenken, die zu Opfern der Gewalt werden und wurden, insbesondere aber auch denen davon, die gerade deshalb zu Opfern wurden, weil sie konsequent die Gewaltfreiheit Jesu leben wollten: die Märtyrer und Deserteure, die Pazifisten und Kriegsverweigerer. Viel zu wenig verachten wir die Feigheit und vermeintlichen verlogenen „Heldentaten“ der Soldaten und viel zu wenig bewundern wir den Mut der Pazifisten und zu selten gedenken wir der Leiden der vielen Menschen, die sich weigerten, dem Krieg zu dienen, den Zeugen Jehovas, den Quäkern, den Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern, die zum Beispiel in den Konzentrationslagern der Nazis starben. Und viel zu wenig setzen wir uns ein für die, die uns heute die Wahrheit erschließen, den Whistleblowern und Leakern, wie Julian Assange und Chelsea Manning. Sie lehnten den unmenschlichen Zynismus ab, der das Überleben an die Kunst zu Morden zu binden versucht. Doch ihre Wahrheit lebt und ersteht immer wieder neu.
Wenn man es nicht begreift, auch hier und heute nicht begreift, wird weiterhin eine Lüge übler als die andere, ein Krieg übler sein als der andere. Krieg gegen den Terror, Krieg gegen die Andersdenken oder Krieg gegen einen Virus. Das Morden und Metzeln wird so perfektioniert, bis die Drohung mit dem Untergang der Menschheit oder Teilen davon für „unausweichlich“, „richtig“, „verantwortlich“ und absolut „nötig“ erachtet wird, um irgendeine Idee, irgendeinen Wahn, eine Lüge zu retten
Aber bei diesem Verlauf bleibt man kein Mensch, denn man verliert die Menschlichkeit und zwingt sie aus den jungen Menschen heraus, die man zu hassen und zu töten lehrt.
Selig aber sind diejenigen, die anderen Heil bringen, die Frieden stiften, die gewaltfrei bleiben im Angesicht der Gewalt; sie heißen Söhne und Töchter Gottes, Menschensöhne und Menschentöchter = Menschen. (Mt 5,9)

Da, wo man versucht, den Menschen zu isolieren, ihm das Leben durch den Tod zu nehmen, da zerreißt der Vorhang im Tempel, der den Menschen von Gott zu trennen versuchte, da tun sich die Gräber auf, und aus der Verzweiflung wird Hoffnung, aus dem Mut wird Realität, aus dem Tod wird mannigfaches Leben.
Was wir mit der Auferstehung zu Ostern feiern, ist auch die Auferstehung, die Unsterblichkeit der Menschlichkeit. Es ist ein physikalisches Gesetz, dass nichts verloren geht, keine Energie verschwindet. Die Natur macht es uns dauernd vor, und jetzt im Frühling sehen und spüren wir es deutlich, wenn wir nur hinausgehen und die Augen öffnen, um zu sehen, wie wir die Verherrlichung der Gewalt und des Hasses in den Medien, den Krieg und die Gewalt überwinden können.
Was der Mensch in Wahrheit ist, lässt sich nicht töten. „Die Gewaltlosen werden das Land erben.“ (Mt 5,5)

Ostern ist also das Fest vom Mut zum Leben.
Wir feiern, dass Mut die Angst überwindet,
dass das Leben stärker ist als der Tod,
und dass Handeln die Hoffnungslosigkeit besiegt.
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